In der Mitte des Jahres 2026 zeigt sich in Deutschland eine zunehmend angespannte politische Situation. Ein Indiz hierfür sind die Umfragewerte der AfD, die sich, obwohl sie von allen anderen Bundestagsparteien gemieden wird (Brandmauer), seit der letzten Bundestagswahl erheblich verbessert haben (Abb. 1).

Abb. 1

Falls sich die Umfragen in tatsächlichen Wahlergebnissen manifestieren und die AfD die CDU/CSU auf Bundesebene als stärkste Partei ablöst, wäre das gleichbedeutend mit einem strukturellen Umbruch im Parteiensystem, da es die jahrzehntelange Dominanz der Unionsparteien im rechts-konservativen Lager des Bundestages beenden würde (zu den Sitzverteilungen seit 1949 vgl. Bundeswahlleiter (2025)). Gleichzeitig sind die Zufriedenheitswerte mit der Arbeit der derzeitigen schwarz-roten Bundesregierung stetig gesunken. Im Juli 2026 wird sie von den Wahlberechtigten mit 86% „gar nicht/ weniger zufrieden“ zu 13 % „zufrieden/sehr zufrieden“ sogar noch knapp schlechter bewertet als die Ampel-Koalition zum Ende ihrer Regierungszeit 2024 (Infratest dimap, 2026, S. 6).

Die weitere Entwicklung wird vermutlich davon abhängen, inwieweit es der Bundesregierung gelingt, zusätzliche Reformen in den Bereichen „Wirtschaftlage“ und „Zuwanderung/Flucht“ umzusetzen, den beiden politischen Problemfelder, die die Wähler seit September 2024 fast durchgehend als am wichtigsten betrachten (Abb. 2).

Abb. 2

Wie und ob die Probleme gelöst werden, hängt kurzfristig vom taktischen Verhalten der Parteien im Bundestag ab, mittel- bis längerfristig vom Wahlverhalten der Bevölkerung. Momentan wird durch die Entscheidung von CDU/CSU unter keinen Umständen mit der AfD zusammenzuarbeiten, eine Mitte-Rechts-Regierungskoalition im Bundestag blockiert, obwohl diese mit ca. 57 % der Sitze eine komfortable Mehrheit hätte (Bundeswahlleiter, 2025) und beispielsweise eine restriktivere Migrationspolitik umsetzen könnte. Auf Dauer stellt sich allerdings die Frage, wie stabil eine Regierungsbildung ist, wenn sie nicht mit den Präferenzen einer parlamentarischen Mehrheit übereinstimmt.

Um zu diskutieren, wie sich der „Mehrheitswille“ der Wähler entwickeln könnte, bietet sich ein Blick auf das mögliche Verhalten des Medianwählers an, ein von Downs (1957) eingeführtes, wirkmächtiges Konzept der politischen Ökonomie. Unter bestimmten Voraussetzungen kann es so interpretiert werden, dass in einem Zwei-Lager-Wahlkampf, also z.B. AfD und CDU/CSU einerseits und SPD, Grüne und Linke andererseits, dasjenige politische Lager die Mehrheit gewinnt, dessen Wahlaussagen den Präferenzen des Medianwählers am nächsten kommt. Wenn ein zentrales Thema im Wahlkampf z.B. die Steuerbelastung ist, bevorzugt der so definierte Medianwähler dasjenige Steuerniveau, das genau in der Mitte der Wählerpräferenzen steht: Die Hälfte der Wähler präferiert ein geringeres und die andere Hälfte ein höheres Niveau. Wenn nun beispielsweise das Linkslager das Steuerniveau des Medianwählers vorschlägt und das Rechtslager ein deutlich geringeres, werden mindestens alle Wähler mit höheren präferierten Steuern als dem Medianwähler inklusive des Medianwählers selbst das Linkslager wählen, das somit mehr als 50% der Stimmen erhält und die Wahl gewinnt (auch die Wähler, die ein geringeres Steuerniveau als der Medianwähler präferieren, werden den Vorschlag des Linkslagers bevorzugen, solange es näher an ihrem Optimum liegt als der Vorschlag des Rechtslagers).

Unter der Voraussetzung, dass die Höhe des bevorzugten Steuerniveaus sinkt, wenn das Einkommen steigt, lässt sich der Medianwähler als derjenige Wähler identifizieren, der das Medianeinkommen bezieht (Meltzer & Richard, 1981). Entsprechend lässt sich der wahlentscheidende Bürger empirisch durch den Bezieher des Medianeinkommens approximieren, wenn man gemäß Meltzer & Richard politische Konflikte als Verteilungsfragen modelliert und davon ausgeht, dass wirtschaftliche Themen im Wahlkampf dominieren, auch weil die Migrationsfrage zunehmend zu einer ökonomischen Verteilungsfrage wird (z.B. Konkurrenz um staatlich bereitgestellte Güter und Wohnraum).

Wähler mit niedrigerem Einkommen bevorzugen tendenziell höhere staatliche Ausgaben und Transfers, von denen sie profitieren, die aber netto nicht durch sie selbst, sondern durch die Steuern der höheren Einkommensgruppen finanziert werden. Umgekehrt sind Haushalte mit hohem Einkommen Nettozahler ins Transfersystem und gleichzeitig weniger auf staatlich bereitgestellte Güter angewiesen. Sie profitieren eher von einem geringeren Steuerniveau. Der Bezieher des Medianeinkommens steht in der Mitte und ist als solcher wahlentscheidend.

Wenn man also die mögliche Entwicklung des Mehrheitswillens repräsentiert durch den Medianwähler als wahlentscheidende Stimme betrachten möchte, bietet es sich an, die bisherige und mögliche künftige Entwicklung des Medianeinkommens zu diskutieren.

Das Medianeinkommen ist nicht nur in der politischen Ökonomie als Annäherung an den Medianwähler relevant, es stellt auch den Bezugspunkt für die ökonomische Definition der Mittelschicht dar. Die OECD definiert diejenigen Haushalte als zur Mittelschicht gehörig, deren verfügbares (nach Steuern und Sozialabgaben), personen-gewichtetes Einkommen im Bereich 75% bis 200% des Medians liegen (OECD, 2019). Nach Berechnungen des ifo Instituts (Dorn et al., 2023, S. 31) gehörten 2019 beispielsweise Singlehaushalte mit einem verfügbaren Einkommen zwischen 17.475 Euro und 46.600 Euro zur Mittelschicht oder ein Paar mit zwei Kindern, wenn das verfügbare Haushaltseinkommen zwischen 36.698 Euro und 97.860 Euro betrug.

Die Mittelschicht spielt insgesamt eine bedeutende Rolle in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Obwohl ihr Anteil zwischen 1995 und 2018 um 6 Prozentpunkte geschrumpft ist, machte sie 2018 immer noch 64 % der Bevölkerung aus und vereinigte auf sich 67 % des Einkommens der Gesamtbevölkerung (OECD, 2021). Darüber hinaus gehören die „mittlere“ und „obere“ Mittelschicht, nach OECD-Definition die Haushalte mit einem verfügbaren Einkommen zwischen 100% bis 200% des Medianeinkommens, zu den Nettozahlern ins Steuer- und Sozialsystem, d.h. ihre Zahlungen an den Staat übersteigen die finanziellen Zuwendungen durch den Staat. Im Jahre 2019 entsprach die mittlere und obere Mittelschicht einem verfügbaren Einkommen zwischen 23.300 Euro und 46.600 Euro bezogen auf einen Singlehaushalt (Dorn et al., 2023; OECD, 2021).

Abb. 3 enthält die aktuellen Daten der OECD zur Entwicklung des deutschen verfügbaren Medianeinkommens im Zeitraum 2011 bis 2023.

Abb. 3

Die Zahlen zeigen das inflationsbereinigte Median-Äquivalenzeinkommen. Das OECD‑Äquivalenzeinkommen ist ein Haushaltseinkommen, das so umgerechnet wird, dass Haushalte unterschiedlicher Größe vergleichbar werden. Beispielsweise verfügt ein Singlehaushalt mit einem Äquivalenzeinkommen von 25 910 Euro im Jahr 2023 über dieselbe wirtschaftliche „Bedarfsdeckung“ wie ein Mehr-Personen-Haushalt, dessen tatsächliches Einkommen entsprechend höher liegt, aber durch eine Äquivalenzskala auf denselben Vergleichswert umgerechnet wird.

Abb. 4 zeigt zum Vergleich die Indexentwicklung des preisbereinigten (realen) BIP pro Kopf im Zeitraum 1991 bis 2025.

Abb. 4

Beide Zeitreihen lassen eine besorgniserregende Entwicklung erkennen: Eine Stagnation seit 2019, d.h. die jüngsten Werte haben sich gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2019 kaum verändert. Das Medianeinkommen und somit die Kaufkraft des Medianhaushaltes ist 2023 nach den letztverfügbaren OECD-Daten nicht höher als vor der Krise. Dies wird vermutlich auch für 2025 gelten, weil die Entwicklung des BIP pro Kopf ein guter Indikator für die Entwicklung des Medianeinkommens ist. Denn das BIP pro Kopf gibt Auskunft über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes; stagniert oder sinkt diese, bleibt bei gleichbleibendem Steuer- und Abgabenniveau kaum Spielraum für Reallohnzuwächse, die das Medianeinkommen anheben könnten.

Weiterhin könnte die Stagnation die längerfristigen Erwartungen der Bürger eintrüben, weil es eine solch langanhaltende Wachstumsschwäche zumindest seit 1991 noch nicht gegeben hat. Der Verlauf des realen Pro-Kopf-BIP zeigt, dass es immer wieder Rezessionen gab, das Vorkrisenniveau aber nach maximal drei Jahren wieder überholt wurde. Dabei wiegt die ökonomische Psychologie oft schwerer als die reine Statistik: Die Wahrnehmung einer ausbleibenden Verbesserung der Kaufkraft – massiv verstärkt durch eine hohe „gefühlte“ Inflation – könnte eine Erklärung erstens für die Unzufriedenheit der Wähler mit der Regierungsarbeit sein und zweitens für die Tatsache, dass viele Bürger die Wirtschaftlage als wichtiges politisches Problemfeld betrachten.

Folgt man dieser Argumentation weiter, ist es eher unwahrscheinlich, dass sich die politische Unzufriedenheit in absehbarer Zeit auflöst. Der Grund liegt in schwerwiegenden strukturellen Schwierigkeiten, mit der die deutsche Wirtschaft aktuell und in Zukunft zu kämpfen hat.

Ein Hinweis darauf, dass es sich um längerfristig wirkende Probleme handelt und nicht nur um temporäre Entwicklungen, wie dem Konflikt zwischen den USA und dem Iran, ist die Tatsache, dass Deutschland das einzige Land der G7-Staaten ist, das seit der Corona-Krise nicht mehr wächst (Abb. 5).

Abb. 5

Folgende strukturelle Probleme werden z.B. in Veröffentlichungen von OECD (2025) und dem International Monetary Fund (2026) thematisiert (für eine detaillierte Diskussion vgl. den Blogbeitrag: Deutschland als Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum: Der Vergleich mit den G7 und anderen Industriestaaten):

  • Hoher Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung. Während dieser Faktor in der Vergangenheit ein Vorteil war, entwickelt er sich inzwischen zu einem Nachteil aufgrund von Tendenzen zur globalen Desintegration und hoher Energiepreise. Eine für Mittelschicht-Wähler unmittelbar negative Konsequenz ist der damit verbundene Verlust von Arbeitsplätzen. Beispielsweise hat sich die Beschäftigung in der deutschen Industrie seit 2019 um 6,0 % oder rund 340.000 Stellen verringert (Ernst & Young, 2026, S. 4).
  • Schwache Produktivitätsentwicklung und Fachkräftemangel. Gründe hierfür sind u.a. die demographische Entwicklung, mangelnde Mobilität der Arbeitskräfte, aber auch wettbewerbsbehindernde Regulierung.
  • Institutionelle Hemmnisse. Dazu gehören nicht nur langwierige Genehmigungsverfahren und komplexe gesetzliche Anforderungen, sondern auch eine verzögerte und wenig effiziente Umsetzung öffentlicher Investitionen, selbst wenn die finanziellen Mittel vorhanden sind.

Die Lösung struktureller ökonomische Probleme ist für eine Regierung mit besonders hohen Schwierigkeiten verbunden, die wirksamen Reformen im Wege stehen.

Erstens führen sie in aller Regel zu harten Verteilungskonflikten. Beispielsweise müsste eine Reduzierung der Steuer- und Abgabenlast für die Mittelschicht, die die Arbeitsanreize stärkt, gegenfinanziert werden. Jedwede Kürzung in anderen Bereichen, wie Sozialstaat, Migration oder Energiewende würde zu massiven politischen Widerständen führen.

Zweitens müssen diejenigen politischen Akteure, die bereit sind, konfliktreiche Reformen durchzuführen, um ihr Regierungsamt fürchten, weil die Verlierer der Reformen die Einschnitte sofort spüren, die positiven Effekte meistens aber erst mit Verzögerung auftreten.

Die Unzufriedenheit des Medianwählers einerseits und die hohen politischen Hürden von Reformen anderseits führen dazu, dass eine Veränderung der bestehenden Koalitionsdynamiken ein nicht auszuschließendes Szenario ist. Denkbar ist eine Regierungsbeteiligung der AfD oder ein fundamentaler Richtungswechsel bei den Regierungsparteien CDU/CSU und SPD, wobei letzteres allein durch die Möglichkeit des ersteren hervorgerufen werden könnte.

 

Literaturverzeichnis

Bundeswahlleiter. (2025). Ergebnisse der Bundestagswahlen in Deutschland von 1949 bis 2025 (Zweitstimmen)—Germany. Statista. [Datensatz]. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/764187/umfrage/ergebnisse-der-aller-bisherigen-bundestagswahlen-in-deutschland/

Dorn, F., Gstrein, D., Neumeier, F., & Peichl, A. (2023). Die Mittelschicht in Deutschland: Zugehörigkeit, Entwicklung und Steuerlast (ifo Schnelldienst 8/2023, 76. Jahrgang, S. 29–36). ifo Institut.

Downs, A. (1957). An Economic Theory of Democracy. Harper.

Ernst & Young. (2026). EY‑Industriebarometer: Umsatz- und Beschäftigungsentwicklung wichtiger deutscher Industriebranchen im ersten Quartal 2026. https://www.ey.com/de_de/functional/forms/download/2026/05/ey-industriebarometer-q1-2026

Infratest dimap. (2026). ARD-DeutschlandTREND Juli 2026. https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/deutschlandtrend-pdf-222.pdf

International Monetary Fund. (2026). Germany: 2025 Article IV Consultation-Press Release; Staff Report; and Statement by the Executive Director for Germany. IMF Staff Country Reports 2026, 036 (2026). https://doi.org/https://doi.org/10.5089/9798229038546.002

Meltzer, A. H., & Richard, S. F. (1981). A Rational Theory of the Size of Government. The Journal of Political Economy, 89(5), 917–927.

OECD. (2019). Under Pressure: The Squeezed Middle Class. OECD Publishing, Paris. https://doi.org/10.1787/689afed1-en

OECD. (2021). Is the German Middle Class Crumbling? Risks and Opportunities. OECD Publishing, Paris. https://doi.org/10.1787/845208d7-en

OECD. (2025). OECD Economic Surveys: Germany 2025. OECD Publishing, Paris. https://doi.org/10.1787/39d62aed-en